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Artikel über das Institut

 

2014

Erstes Deutsches Designinstitut

„Gutes Design ist etwas, das uns Lebensfreude bringt und uns mit unserer Umwelt identifiziert.“

Als erstes Designinstitut in Deutschland wurde das Institut für Neue Technische Form (INTEF) 1952 gegründet. Zu dieser Zeit nannten sich die Designer noch Entwerfer, Formgeber oder Gestalter, denn der Begriff Design wurde erst Ende der sechziger Jahre bekannt und erfährt seit dem eine unglaubliche Multiplikation. Ist heute alles Design?

Das INTEF ist ein Haus mit einer freien Philosophie: es stellt Fragen, reflektiert, vermittelt und begründet. Es ist Schnittstelle von angewandter und freier Kunst, fördert innovative Leistungen und experimentelle Schritte. Nicht der etablierte Kanon wird hier gezeigt, vielmehr wird Design in einen Zusammenhang zu Kunst, Architektur, Wissenschaft und Technik, Gesellschaft und Umweltgestaltung gestellt. So wie sich Design als eine Disziplin ständig neu erfindet, so gibt es Ausstellungen über Hüte, Grafik, Tapeten, Form und Farbe, über Verpackungen und Rollstühle... Die Ausstellung „Design for disabled“ ging um die ganze Welt.

Das INTEF versteht sich als kulturelles Netzwerk, geprägt von der Persönlichkeit seines Geschäftsführers Michael Schneider mit seiner Gabe zur Kommunikation mit Gesprächspartnern aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Darüber hinaus besitzt das INTEF eine einzigartige Sammlung deutscher Designprodukte, die Michael Schneider zusammengetragen hat. Mehr als 30 000 Objekte umfasst dieser Fundus, darunter Modelle, Prototypen, Unikate und Erzeugnisse der Alltagskultur, sowie unbeachtete Dinge wie Einwegbestecke aus Kunststoff. So ist das Lieblingsstück des Sammlers der Senflöffel von Wilhelm Wagenfeld aus Kunststoff, der nur selten aufbewahrt wurde. Es ist schwer zu verstehen, das es bis heute noch immer keine Möglichkeit gibt, diese Sammlung dauerhaft zu präsentieren, die in einer Auswahl bereits in Tokio, Osaka, Moskau, in London und anderen Städten gezeigt wurde.

Design ist nie nur Gestaltung am Gegenstand, immer auch Verantwortung und ästhetische Erziehung am Menschen, verstanden als Aufgabe zur Gestaltung unserer Lebenswelt. Eine gute Form zu erkennen, das Handwerk (und die Ressourcen) dahinter zu achten und zu schätzen und unsere Wahrnehmung dafür zu schärfen ist eine der vornehmlichsten Aufgaben des INTEFs.

Darmstadt hätte durchaus deutsche Design-Hauptstadt werden können: Die Designgeschichte begann mit der Gründung der Künstlerkolonie Mathildenhöhe 1899 in Darmstadt. Seit dem gehen von hier stilprägende Impulse für das Verständnis und Entwicklung von Gestaltung aus. In der Nachfolge der Künstlerkolonie-Tradition wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Werkkunstschule gegründet, 1953 der Rat für Formgebung als Informationsinstanz zwischen Wirtschaft und Design. 1960 wurde das Bauhaus-Archiv in Darmstadt gegründet. Mit Unterstützung von Walter Gropius wurde das materielle und geistige Erbe zusammengetragen. Später wurde die Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Werkbundes in Darmstadt angesiedelt, ab 1990 zog das Design Zentrum Hessen in das Alfred Messel Haus. Diese Institution arbeitet als landesweites Kompetenzzentrum für hessische Designer und Unternehmen, es vernetzt Design mit Wissenschaft und Forschung. Die Auswahl mag genügen um das Design-Potential Darmstadts aufzuzeigen.

Gefragt nach der Zukunft von Design in unserer nahezu inflationär durchgestalteten Welt antwortet Michael Schneider: „In Zukunft muss sich das Design zurücknehmen, es muss gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit sorgfältiger durchdacht werden. Wir sind am Ende einer Fülle von einem riesigen Blumenstrauß von Design-Varianten die x-beliebig reproduziert werden.“ Ein Statement für Design, das auf Langlebigkeit, Authentizität und auf Gültigkeit setzt. In Darmstadts Stadtmitte am Friedensplatz, in der Diagonale von kurzweiligem Shoppingglück und dem gerade wieder eröffneten Landesmuseums kann man in den Ausstellungen des INTEF einen spannungsvollen Dialog zwischen Kunst und Kommerz erfahren.

 
 --Aus: ARTMAPP-Magazin, Ausgabe November 2014, Autor Rita Latocha
 

1992

Der Mensch und die elementaren Dinge

40 Jahre Designgeschichte: Institut für Neue Technische Form im Alfred-Messel-Haus

»Das industriell erzeugte Ding ist durch seine Herstellung nie einzig, sondern beliebig wiederholbar, [...] Meine Augen sagen mir aber: Der Mercedes 300 SL ist schön – die Olivetti-Schreibmaschine ist schön und so weiter. Sollen wir uns an der Wiederholbarkeit stoßen?« So sprach 1954 bei einem Empfang in Schloss Wolfsgarten Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein. Anlass war eine Ausstellung formschöner Industrieerzeugnisse auf der Frankfurter Herbstmesse, ausgerichtet vom Darmstädter Institut für Neue Technische Form.

Prinz Ludwig, feinsinnig und gebildet (hatte Kunstgeschichte studiert), außerdem mit der Gabe gesegnet, seine Beobachtungen und Erkenntnisse mit einfachen Worten präzise und anschaulich darstellen zu können, war der erste Vorsitzende des Instituts. Die Ausstellung in Frankfurt war eine Sonderschau, mit der die noch junge Darmstädter Einrichtung Öffentlichkeit und Herstellern vorführte, was es in der Masse des alljährlichen Messeangebots Gutes an Formgestaltung gibt. Es war die zweite Schau dieser Art, mehr als zwanzig sollten folgen.

Das Wort Design war damals im deutschen Sprachgebrauch noch selten. Und bis zu der inhaltlichen Begriffserweiterung, die heute die zum Teil hochgesteckten Ziele und komplexen Aufgaben des Designers definiert, lag eine gehörige Wegstrecke.

Das Institut für Neue Technische Form als erste deutsche Einrichtung dieser Art (am 10. Dezember 1952 ins Vereinsregister des Darmstädter Amtsgerichts eingetragen) hat dieser Entwicklung wichtige Impulse gegeben. Anstöße, die im einzelnen kaum mehr aufspürbar sind, die aber in der Summe und der Beständigkeit einen hohen Wirkungsgrad hatten. Ob Wilhelm Wagenfeld, Hermann Gretsch oder Heinrich Löffelhardt, Herbert Hirche, Otl Aicher oder Dieter Rams (um nur einige zu nennen), keiner der großen deutschen Formgestalter, der nicht in irgendeiner Weise mit dem Institut verbunden war oder ist.

Darmstadt, wo sich dem Institut fast gleichzeitig der Rat für Formgebung, eine Bundesinstitution, zugesellte, wurde mit Beginn der fünfziger Jahre zum Zentrum für Fragen der Formgestaltung in der Bundesrepublik. Dass es dazu kam, kann man als Zwangsläufigkeit interpretieren oder mit glücklichen Umständen erklären – Zufall war es nicht. Mehrere Komponenten trugen dazu bei.

Noch einmal Prinz Ludwig: »Eine Aufgabe unserer Zeit liegt, wie mein Vater und seine Freunde schon vor fünfzig Jahren erkannten, darin, die alte Handwerkskultur durch eine echte Industriekultur [...] abzulösen; wenn auch hoffentlich das gute Handwerk daneben seinen Platz behaupten wird.« Der Vater, Großherzog Ernst Ludwig, hatte 1901 auf der Mathildenhöhe das Experiment Künstlerkolonie gewagt, ein Jugendstil-Unternehmen zur Durchgestaltung sämtlicher häuslicher Lebensbereiche, vom Essbesteck über die Raumgestaltung bis zur Hausarchitektur und Siedlungsplanung.

Dieser Nährboden einer ganzheitlichen Betrachtungsweise war und ist, wenn auch geschichtlich, noch fruchtbar für die Residenz kritischer Geister – eine Rolle, auf die sich Darmstadt immer mal wieder besinnt. So war es, als die Stadt in der geistigen Aufbruchsstimmung nach dem Krieg die legendäre Reihe der »Darmstädter Gespräche« begonnen hatte. Die dritte dieser Veranstaltungen ,in der es um die Suche nach neuen Werten und um die Tauglichkeit der alten ging, behandelte 1952 das Thema Mensch und Technik. Im Beirat ein Mann namens Gotthold Schneider. Er verkündete wenig später »all denen, die es noch nicht wissen«, dass ein Institut für Neue Technische Form »unter dem Vorsitz des Prinzen von Hessen und meiner Geschäftsführung« gegründet wurde.

Gotthold Schneider, gelernter Buchhändler, hatte vor dem Krieg in Dresden und Berlin den Kunst-Dienst geleitet, ein bedeutsames Forum für religiöse und kirchliche Kunst. Aus dieser Zeit rührten viele Bekanntschaften und enge freundschaftliche Verbindungen zu namhaften Künstlern, Architekten, Theologen und Publizisten.

Einer von ihnen, der Architekt Otto Bartning, bewog Gotthold Schneider 1950, nach Darmstadt zu kommen und bei der Konzeption der Darmstädter Gespräche mitzuwirken. Ein anderer, vormals Journalist, Werkbundgeschäftsführer und Reichstagsabgeordneter (bis 1933), wurde als erster Bundespräsident und als solcher Schirmherr von Mensch und Technik – Theodor Heuss. Er war einer der Autoren des Kunst-Dienstes gewesen und hatte unter anderem einen Werkstattbericht über die industrielle Formgebung von Hermann Gretsch geschrieben.

Das Institut konstituiert sich als Verein auf vier Säulen. Neben dem Großherzoglichen Haus (heute durch Landgraf Moritz von Hessen als Vorsitzendem repräsentiert) waren dies von Anfang an die Stadt (damals vertreten durch Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel und, als Schatzmeister, Stadtkämmerer Dr. Joachim Borsdorff), die Wirtschaft (im Gründungsvorstand Fabrikant Wilhelm Euler als Schriftführer) und die Einzelmitglieder. Den Hauptteil der – im Vergleich zu ähnlichen Institutionen bescheidenen – Finanzierung tragen die Stadt und die nach dem Tod des Prinzen (1968) gegründete Prinz-Ludwig-Stiftung. Sitz des Instituts ist das Alfred-Messel-Haus im Eugen-Bracht-Weg auf der Mathildenhöhe (wo schon der nach Frankfurt abgewanderte Rat für Formgebung arbeitete).

Den Nerv der Zeit getroffen

Erste Höhepunkte der Institutsarbeit wurden Ausstellungen, die alte und neue Werkstoffe wie Glas und Plastik oder Textil, Metall und Holz zum Thema hatten. Mal richtete sich das Augenmerk auf Gestalter wie Richard Riemerschmid und Jupp Ernst oder Peter Behrens und Wilhelm Wagenfeld, mal auf Produkte wie Möbel, Werkzeuge oder Besteck und Geschirr. Dann wieder wurden Ausbildungsstätten, Lehrer und Schüler vorgestellt. Und stets auch immer der übergreifende und verbindende Gestus etwa vom Handwerk zur Industrie, von der Architektur zur Sozialarbeit, von der Schriftkunst zur Elektronik und ähnliches. Daneben Wettbewerbe und Nachwuchsförderung, Beratung und Vermittlung, Kataloge und Publikationen.

Bei alledem wurde und wird Wert auf Kooperation mit Unternehmen gelegt, die sich um gute Produktgestaltung bemühen. Hier sei nur die Braun GmbH genannt, deren Nachwuchswettbewerb für technisches Design lange Jahre im Institut veranstaltet wurde.

Nach dem Tod von Gotthold Schneider 1975 wurde auf Betreiben von Oberbürgermeister Heinz Winfried Sabais und anderer der Sohn, Michael Schneider (Jahrgang 1946), Geschäftsführer des Instituts. Er hatte, noch zu Lebzeiten seines Vaters, schon die Ausstellung Design Venezia – Glas, Licht und Möbel aus Italien konzipiert.

Mit »Hugo Kückelhaus – Wege zur Entfaltung der Sinne« folgte wenig später ein vielbeachtetes Ereignis, das nicht nur den Nerv der Zeit traf, sondern auch eine neue Linie einleitete. Der Mensch und die elementaren Dinge rückten stärker nach vorn. Dies dokumentiert sich auch in der von Josef Bar-Pereg (Amsterdam) zusammengestellten Präsentation Design für behinderte Menschen (1985). Und nachdem mit dem Begriff Wegwerfgesellschaft erste Umweltschutzgedanken im allgemeinen Bewußtsein Platz gegriffen hatten (auch dazu gab es früh Beiträge des Instituts), suchte man nach Wegen, auf denen Designer effektive Beiträge zur Reduzierung der überhandnehmenden Abfallmengen leisten können. Dafür stehen Workshops mit Unternehmen der Kosmetikindustrie und ein Wettbewerb für umweltgerechte Verpackungen.

»Mein Vater und seine Freunde« – Prinz Ludwig hat mit einfachen Worten sinnfällig zum Ausdruck gebracht, daß selten einer allein Anspruch auf Anerkennung für derart Geleistetes hat. Diese Einstellung war auch Gotthold Schneider zu eigen, und dasselbe gilt für Michael Schneider. Stets haben der Vater und der Sohn ihre Mannschaft gehabt, sei es im Organisatorischen, sei es im Kreativen. Und sie waren sich dessen immer bewußt und haben es nach außen deutlich gemacht.

 
 --Aus: Darmstädter Echo, Ausgabe 12. Dezember 1992, Autor Dieter Gause
 

1976

25 Jahre Institut für Neue Technische Form

Unter den schon legendären Darmstädter Gesprächen hatte das des Jahres 1952, das unter dem Thema Mensch und Technik stand, besondere Bedeutung und war weithin beachtet worden. Aus diesem Anlass war auch eine Ausstellung von gutgestalteten Gebrauchsgütern veranstaltet worden. Ihr Geschäftsführer war Gotthold Schneider. Die Ausstellung dauerte vom September bis November 1952. Schon kurze Zeit später konnte Schneider allen denen, die es noch nicht wissen, mitteilen, dass im Dezember 1952 in Darmstadt ein Institut für Neue Technische Form unter dem Vorsitz des Prinzen Ludwig von Hessen und meiner Geschäftsführung gegründet worden ist.Einem einmaligen Ereignis sollte Dauer verliehen werden.

In den ersten Nachkriegsjahren waren die Handlungsmöglichkeiten für den einzelnen in einer heute nicht mehr vorstellbaren Weise offen, und die oft improvisierten Aktivitäten von Persönlichkeiten und Gruppen galten mehr als materielle Faktoren. Dabei spielten alte Verbindungen eine wichtige Rolle. So war es auch hier, wo Gotthold Schneider von seiner Arbeit in Dresden und Berlin (Kunstdienst) bekannt war, wo Bartning und seine Freunde vom ehemaligen Werkbund neue Begegnungen arrangierten und Bundespräsident Heuß als Mitglied des Werkbundes selbstverständlich die Schirmherrschaft über die Darmstädter Symposien übernahm. So kann man sich auch leicht vorstellen, dass nach einer Möglichkeit gesucht wurde, die Ideen des Darmstädter Gesprächs zu konkretisieren und in die künftige Gesellschaft einzubringen. Auf diese Weise entstand das Institut für neue technische Form. Otto Bartning schrieb in dem schmalen Katalog der Ausstellung in klassischer Kürze den Grundgedanken nieder, der für die Veranstaltung galt, der aber auch als Wegweiser für das Institut genommen werden kann: Der Mensch weiß, dass er die Technik als ein von ihm geschaffenes Instrument vom Geistigen her bewältigen muss. Die Technik geistig bewältigen aber heißt, ihre Produkte formen und gestalten. Das war immer schon die stille, oft unbeachtete Leistung des Handwerks. Das ist die entscheidende Aufgabe der industriellen Formgebung.

Bei dem Versuch, die damalige Situation zu skizzieren, darf auch nicht die Mitteilung von Prinz Ludwig und die finanzielle Hilfe der Stadt Darmstadt vergessen werden, zumal sich darin auch das Bestreben zeigt, die kulturelle Tradition, die um die Jahrhundertwende in der Künstlerkolonie progressive Tendenzen proklamierte, wiederaufzunehmen und für die Zukunft fruchtbar zu machen. Das macht Darmstadt keine andere Kommune in der Bundesrepublik nach.

Die Arbeit begann rasch. Aus unserer Zusammenstellung der Veranstaltungen des Instituts geht u. a. hervor, dass es allein auf der Frankfurter Messe 25 Sonderschauen Die gute Form veranstaltet hat und von vornherein darauf bedacht war, sich nicht auf einen zu begrenzten Sektor einzuengen, sondern möglichst viele Aspekte des Designs und Nachbarbereiche einzubeziehen (freie Kunst, Handwerk, Architektur, Psychologie, Soziologie, Pädagogik etwa). Mit einem Wort: Design wird mit kritischem Erfassen, Reflektieren und bewusstem Gestalten der Umwelt gleichgesetzt. Die Endlichkeit, als Begrenzung und Erschöpfbarkeit unserer Lebensbedingungen, ist uns in jüngster Zeit deutlich sichtbar geworden. Die daraus sich ergebende Notwendigkeit, mit dem vorhandenen Kapital an Kräften und Reserven sparsam umzugehen, zwingt zu überlegtem Produzieren und Gebrauchen. Das ist der Ansatzpunkt für die gegenwärtige und vor allem künftige Institutsarbeit. Auf diese Weise erhält der - wohl aus dem Thema des Darmstädter Gesprächs abgeleitete - Name des Instituts neue Dimensionen. So jedenfalls verstehen Moritz Prinz von Hessen, der heutige Vorsitzende, und Michael Schneider, Sohn des Gründers und Geschäftsführer, die Funktion des Instituts.

Dass unter solchen Aspekten modische Spielereien, die auf einen schnellen Erfolg zielen, keinen Platz haben, versteht sich fast von selbst. Vielmehr ist dem Institut immer wieder die Aufgabe gestellt, Produkte zu fördern und zu propagieren, die Gültigkeit von langer Dauer haben. Damit wird mittelbar auch ein wirtschaftlicher Effekt erzielt, weil die Firmen, die in die Gestalt guter Formen investieren und damit ein Risiko wagen, ermutigt werden. Andererseits haben aber die letzten Jahrzehnte gezeigt, dass Risiko um der guten Form willen nicht Ruin bedeutet, sondern dass sie an Boden gewinnt und unwiderstehlich überzeugend wirkt.

So greift eins ins andere, und Design, ernsthaft betrieben und vertreten, ist kein abstraktes Glasperlenspiel im luftleeren Raum, sondern vollzieht sich inmitten von Wirtschaft und Gesellschaft. Darüber ist man sich in Darmstadt durchaus im klaren.

 
 --Aus: Kunst und Handwerk, Ausgabe August 1976, Autor Gottfried Borrmann
 

1954

Ansprache des Vorsitzenden, des Prinzen Ludwig von Hessen und bei Rhein, gehalten bei einem Abendempfang in Schloß Wolfsgarten anläßlich der zweiten Sonderschau formschöner Industrieerzeugnisse auf der Frankfurter Herbstmesse 1954

Meine Damen und Herren!

Ihnen wird vielleicht auf der Einladung etwas, das wie ein Zwiespalt aussehen könnte, aufgefallen sein. Da lädt ein Prinz, als Vorsitzender eines Instituts für Neue Technische Form, ein. Prinzen sind üblicherweise Vorsitzende konservativer klingender Vereinigungen, und unserem Institut sollte wohl eigentlich zum mindesten ein Dr.-Ing., wenn nicht gar ein Dr. h. c. vorstehen.

Denselben vermeintlichen Widerspruch, der in der Einladung lag, werden Sie auch hier in diesen Räumen schon beim Betreten empfunden haben. Es scheint geradezu paradox, in diesem Zimmer von neuer technischer Form zu sprechen. Paradoxe sind (obwohl meist irgendwo zu verführerisch) oft zum Denken anregend, und so möchte ich Sie bitten, mit mir einen Augenblick bei diesem, dem Paradox von heute abend, zu verweilen.

In diesen Räumen, in denen ich Ihnen von neuen Bestrebungen erzählen will, sind eigentlich nur Sachen, die der verfeinerten Handwerkskultur des 18. Jahrhunderts angehören. Ich bin mit diesen Sachen so sehr aufgewachsen, dass es Jahrzehnte dauerte, bis ich bemerkte, dass sie eine Zeit, einen Zeitgeist wesenhaft Verkörperten, der längst Geschichte wurde. Später entdeckte ich, dass Kenntnis von und Liebe zur Kultur unserer Vorfahren ohne weiteres ganz direkt unruhig macht. Sie gebiert Hoffnung und, Sorge, dass auch unsere Zeit ein echtes Gesicht, eine klare Linie finde, an der sich die Erben einmal (mit Abstrichen und Zutaten, wie sie bei jeder Überlieferung geschehen), Besinnung und Erbauung holen könnten; für mich bedeutet die selbstverständliche Kenntnis alter Dinge einen Wertmaßstab.

So kommt das Paradox zustande, dass für den Empfänglichen eine schöne alte Umgebung, wie diese, zum eigentlichen Ansporn wird, auf ein Zukünftiges zu drängen. Der Sinn für Geschichte macht nur subalterne Geister reaktionär. Der echte Historiker, d. h. der Mann, der das Leben der Vergangenheit liebt, kann nur Neues erhoffen, das, seinen eigenen neuen Gesetzen folgend, die Wahrheit ewiger Gesetze bestätigt.

Aber unser Paradox kann aus den allgemeinen Betrachtungen, die unerläutert immer wie Phrasen klingen, in speziellere Gebiete führen. Fast alles, was Sie hier sehen, sind von Handwerkern gemachte Sachen, echte Handwerkskultur. Der letzte Höhepunkt dieser Kultur liegt günstigstenfalls (ich denke ans späte Biedermeier) hundert Jahre zurück. Eine Aufgabe unserer Zeit liegt, wie mein Vater und seine Freunde schon vor 50 Jahren erkannten, darin, die alte Handwerkskultur durch eine echte Industrie-Kultur (nicht nur Zivilisation) abzulösen; wenn auch hoffentlich das gute Handwerk daneben seinen Platz behaupten wird.

Gerade beim Vergleich von Möbeln und Geräten aus alter Zeit mit unseren Industrieprodukten wird einem klar, dass bisher der technische Fortschritt einen großen Verlust am eigentlichen Wesen der Dinge mit sich gebracht hat. Dieser Verlust brauchte nicht so groß zu sein. Er liegt meiner Ansicht nach im rein merkantilen Stadium der Anfänge des industriellen Zeitalters, das heute noch nicht überall überwunden ist.

Bei jedem Vergleich aber, den man zwischen Produkten der Handwerkswelt und heutigen Industrieprodukten anstellt, spürt man, dass die alten Qualitätsbegriffe auf das Neue nicht immer anwendbar sind. Das alte Handwerksprodukt muß, wie jeder anständige Gegenstand, auch heute noch, materialgerecht und funktionsgerecht sein. Darüber hinaus hat das alte Ding eine eigene Schönheit, ein eigenes individuelles Wesen. Das neue industriell erzeugte Ding ist durch seine Herstellung nie einzig, sondern beliebig oft wiederholbar. Es hat kein individuelles, sondern ein Massenwesen oder -dasein. Dieser Unterschied läßt sich durch nichts vertuschen, er ist echt. Meine Augen sagen mir aber: der Mercedes 300 L ist schön — die Olivetti-Schreibmaschine ist schön usw. Sollen wir uns an der Wiederholbarkeit stoßen?

Nein — der einzige Punkt, an dem unsere industrielle Kultur der Handwerkskultur noch oft unterlegen ist, ist der, dass heute ein guter Geist (oder die Schönheit?) unseren Industrieprodukten oft fehlt, den selbst die biedersten kleinen Handwerker des 18. Jahrhunderts irgendwie verkörperten. Dass dies so ist, liegt daran, dass noch vom 19. Jahrhundert her der merkantile Gesichtspunkt manchmal überbetont wird. Die Industrie hatte und hat auch heute noch mancherorts zu wenig kulturelles Gewissen. Nur eine Katastrophe könnte uns aus unserer heutigen Welt wieder zurück in das Zeitalter des Handwerks versetzen. Dagegen droht die Katastrophe der seelenlosen Vermassung in der übermächtigen Staatsmaschinerie und ihren Bienenhäusern. Die Technik und die aus ihr geborene Industrie ist unser Schicksal. Dieses Schicksal wäre nicht gar so schlimm, wenn die Industrie erkennen würde, dass jedes Gut, (das Wort allein sollte eigentlich verpflichten), dass jedes Gut, das sie erzeugt, das Leben der Abnehmer mitbestimmt. Dass also ein Industrieprodukt einfach nicht gut genug sein kann.

Wann ist aber ein Industrieprodukt gut? Meine private Definition lautet so:

1. Materialgerecht, 2. Funktionsgerecht, 3. Preiswert, 4. Schön

(Ich weiß, dass man heute lieber formschön sagt, kapiere aber den Unterschied nicht ganz und bleibe so bei schön.)

Ich habe beobachtet, dass die Begriffe Material und Funktion als einzige Qualitätskriterien nur auf Dinge zutreffen, die der täglichen Umgebung des Menschen ein wenig entrückt sind. Auch unsere neue, technisch bestimmte Welt braucht darüber hinaus das unangenehm irrationale Kriterium des Schönen (sicherlich für alle Gebrauchsgegenstände). Und wenn wir dies wieder fühlen, geraten wir ganz von selber in die Nähe der alten Handwerkskultur.

Als grundlegender Unterschied bleibt, dass das alte Handwerksprodukt praktisch einmalig ist, das Industrieprodukt seinem Wesen nach beliebig wiederholbar. Dagegen ist aber gerade das Handwerksprodukt weniger eng zeitgebunden als das Industrieprodukt, das eigentlich neu sein muß, um gut zu sein. So befinden wir uns in der Gefahr, statt einen Stil zu entwickeln, in Moden zu verfallen. Der immer wieder neu zu erobernde Umsatz ist hierfür vor allem mit verantwortlich. Die Schwerfälligkeit unserer menschlichen Natur und der Mangel an Investitionskapital möge uns hier vor dem Schlimmsten behüten.

Das klingt wie eine kategorische Verdammung der Mode. Nichts liegt mir ferner, denn ich glaube, dass alle sog. Stile einmal Moden waren und der Gedanke, dass man den allein richtigen Stuhl, gewissermaßen die platonische Idee eines Stuhles, finden — nicht erfinden könnte, erscheint mir schon deshalb verfehlt, weil auf diesem endgültig richtigen Stuhl nur ein endgültig richtiger Mensch sitzen könnte.

Morgensterns Aesthet sagte schon: »Wenn ich sitze, will ich nicht sitzen, wie mein Sitzfleisch möchte, sondern wie mein Sitzgeist sich, säße er, den Stuhl sich flöchte.« Und die Aufgabe der Stuhlfabrikanten besteht, meiner Ansicht nach, darin, dem Sitzgeist sowohl als auch dem Sitzfleisch zu dienen. Ich bin von unserem Paradox »Alte Umgebung — Neue technische Form« scheinbar weit abgekommen. In Wirklichkeit aber hoffe ich ein wenig, wenn auch vielleicht verworren, angedeutet zu haben, was uns, d. h. meine Freunde vom Institut für Neue Technische Form und mich bewegt.

Ich darf, ehe ich Ihnen von unserer Tätigkeit und unseren Hoffnungen und Plänen berichte, kurz zusammenfassen: Wir leben im Zeitalter der Massen, wir hoffen aber, dass die Intelligenz und das Schönheitsgefühl bester Einzelner gerade durch die industrielle Massenproduktion dieser Masse zugänglich wird. Für dieses Ziel möchten wir wirken. Wir sehen die eminent wichtige Aufgabe jeder Industrie darin: Bestes zu bieten (und das geht nur unter Hinzuziehung wirklicher Denker und Künstler) und vielerlei zu bieten (das erlaubt dem' Käufer noch ein Minimum von Originalität durch die große Auswahl).

Wir hoffen, dass die Industrie und die Öffentliche Hand (als größter Auftraggeber) erkennen, dass sie eine ungeheure Verantwortung tragen, nämlich die Verantwortung, wie die nächsten hundert Jahre, die ja mit jedem Tage neu beginnen, aussehen werden. Wenn im 18. Jahrhundert ein kleiner Schreiner etwas schlecht machte, schadete das wenig. Wenn der Entwerfer einer Möbelgarnitur heute ein unehrlicher Mann ist, kriegen ein paar Tausend Leute Schund ins Haus.

Es kommt auf Entwerfer, Produzenten und Käufer an, die Brücke zu schlagen vom Zeitalter des gottbegnadeten Handwerks zum Zeitalter nicht der dämonischen, sondern einer gottbegnadeten Technik. Ich hoffe, dass Sie, meine Damen und Herren, dieser »Denkversuch« (Plagiat von Heidegger) über das Paradox dieser Einladung nicht gelangweilt hat. In ihm ist viel vom Wollen unseres Instituts für Neue Technische Form enthalten. Sie wie ich wissen, dass keiner der hier leicht skizzierten Gedanken originell ist, und Sie wie mich interessiert eigentlich hauptsächlich die praktische Form, in der sich diese Gedanken manifestieren könnten.

Außerhalb der eigentlichen Ausstellungstätigkeit, die erst einsetzen konnte, nachdem im Spätherbst 1953 die Räume im Messehaus durch Freundlichkeit des Rats für Formgebung und des hessischen Staates zur Verfügung standen, wurden sowohl der Vorsitzende als auch der Geschäftsführer, Herr Gotthold Schneider, wiederholt um die Mitarbeit bei den Vorarbeiten und der Durchführung der ersten und zweiten Sonderschau für formschöne Industrie-Erzeugnisse während der beiden Hannoverschen Frühjahrsmessen gebeten.

Eine erste sichtbare Arbeit bestand in der indirekten und direkten Mitarbeit an dem Zustandekommen der Internationalen Tapeten- Ausstellung 1953. Diese war zuerst an anderem Orte geplant, Der Verband Deutscher Tapetenfabrikanten konnte aber davon über zeugt werden, dass am Orte der Durchführung des ersten großen Tapeten-Wettbewerbs auch die Internationale Tapeten-Ausstellung veranstaltet werden müßte.

Bereits im August 1953 begannen die Vorarbeiten für die im Januar 1954 eröffnete Kunststoff-Schau. Es wurden im Laufe der Zeit ca. 1500 Kunststoff verarbeitende Fabrikanten angeschrieben. Auf Grund dieser Briefe meldeten sich natürlich nur solche Firmen, die an Hand der von uns angegebenen Richtlinien annahmen, Gegenstände zu erzeugen, die von uns als formschön ausgewählt werden würden. Von diesen etwa 400 Fabriken, mit denen korrespondiert wurde, blieben als Aussteller etwa 120 übrig. Die Ausstellung wurde zu einem Erfolg. Noch heute senden uns Firmen ihre neuesten Produkte, noch heute erhalten wir Anfragen aus aller Welt. Presse und Rundfunk berichteten ausführlich über die von uns getroffene Auswahl. Das Fernseh-Studio Frankfurt brachte ein — zuerst auf acht Minuten angesetztes — dann auf 22 Minuten ausgedehntes Programm.

Als nächste geschlossene kleine Schau in unseren Räumen ist eine Steingut- und Steinzeug-Ausstellung geplant. Auf eine Anfrage des hessischen Finanzministers Dr. Tröger wegen einer Sonderschau formschöner Industrie-Erzeugnisse auf der Frankfurter Messe empfahl der Präsident des Rates für Formgebung, eine solche Schau von unserem Institut durchführen zu lassen. Der Erfolg der ersten Sonderschau auf der Frühjahrsmesse 1954 veranlaßte den Aufsichtsrat der Frankfurter Messeleitung, uns auch während der diesjährigen Herbstmesse mit der Durchführung einer gleichen Veranstaltung zu beauftragen. Die Gestaltung der Ausstellung liegt in den Händen des Architekten Günter Hennig, der auch unsere früheren Ausstellungen gestaltete.

In dieser Sonderschau von Beispielen formschöner Industrieprodukte werden Erzeugnisse von Firmen gezeigt, die, sowieso an der Frankfurter Messe vertreten, sich zur Beteiligung angemeldet haben. Ein Gremium von unserer Ansicht nach repräsentativen Gutachtern, die zum Teil dem Rat für Formgebung angehören, hat die Stücke aus dem Angebot ausgewählt. Die Ausstellung in dieser Sonderschau ist keine Prämiierung, sondern soll nur dem Besucher ein leider noch einseitiges Bild von Beispielen guter Industrieprodukte, die auf der Frankfurter Messe sowieso vertreten sind, bieten. Unser immer wieder ausgesprochener Wunsch ist der, dass von Messe zu Messe mehr Firmen aufgenommen werden sollen und — auch aufgenommen werden können. Die Ausstellung kann am besten das zeigen, worüber ich heute abend so viele Worte machen muß. Sie alle sind herzlich eingeladen, sie zu besichtigen.

Wenn das Institut für Neue Technische Form seiner satzungsgemäßen Aufgabe, der Errichtung einer ständig auf neuesten Stand ergänzten Dauerschau guter Industrie-Erzeugnisse, gerecht werden will, braucht es dazu eigene Räume. Für diese Räume ist ein Neubau erforderlich, der Geld kostet, das wir nicht haben. In absehbarer Zeit muß die große Bettelei darum anfangen, von der ich Sie, meine Damen und Herren, heute noch verschonen möchte. (Ihre Namen sind aber hoffnungsvoll vorgemerkt.) Sie wissen wohl alle, dass ein ähnlich gerichtetes Unternehmen für die Villa Hügel in Essen in jüngster Zeit gegründet wurde. Sie wissen vielleicht nicht, dass schon seit Jahren die Neue Sammlung in München und das Stuttgarter Landesgewerbeamt solche Ziele verfolgen.

Diese Tatsachen entmutigen uns durchaus nicht, denn wir glauben, gerade durch unsere bisher und auf weiteres bestehende räumliche Begrenzung im Hause des Rats für Formgebung am wenigsten der Gefahr der musealen Verkalkung ausgesetzt zu sein, und begrüßen, schon des gemeinsamen Zieles wegen, jede gleichlaufende Bestrebung. Darüber hinaus können wir besonders gut an Ort und Stelle die Bestrebungen des Rats für Formgebung auf einem Teilgebiet unterstützen und demonstrieren. Hierbei sind wir auch ganz besonders für die tatkräftige Mitarbeit der Stadt Darmstadt dankbar.

Nun habe ich mich, meine Damen und Herren, weit von meinem paradoxen Ausgangspunkt entfernt. Ich glaubte aber Ihnen und mir eine Rechenschaft über die Bestrebungen des Instituts, dessen Vorsitzender ich bin, schuldig zu sein. Zuerst wollte ich Ihnen sagen, wie wir die Dinge sehen. Dann wollte ich Ihnen summarisch darüber berichten, was bisher getan wurde.

Ich versichere Ihnen, dass wir mit großer Zähigkeit unserem Ziel, der Humanisierung des Industrieproduktes, nachgehen, und wir bitten auch um Ihr Verständnis für dieses Ziel, dessen Erreichung ein wirklicher Beitrag zur Veredelung des Massenzeitalters sein würde.

 
 --Ansprache bei einem Empfang in Schloß Wolfsgarten, Autor Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein